Nur zwei Prozent der Befragten einer Studie der Universität Basel nennen Leseclubs als Ort, an dem sie sich über Bücher austauschen. Gleichzeitig wächst in Deutschland das Interesse am „Silent Book Club“. Laut Google-Suchdaten von SE Ranking und KeywordTool.io stiegen die Suchanfragen innerhalb von zwei Jahren um 107 Prozent. Das klingt nach einem großen Trend, bewegt sich mit rund 500 Suchanfragen im Monat allerdings noch auf überschaubarem Niveau.
Silent Book Club: Ein gemeinsamer Raum für die eigene Lektüre
Die Idee entstand 2012 in San Francisco. Guinevere de la Mare und Laura Gluhanich wollten gemeinsam lesen, ohne vorher ein bestimmtes Buch beenden oder sich auf eine Diskussion vorbereiten zu müssen. Aus ihren Treffen entwickelte sich eine Initiative, die 2015 offiziell gegründet wurde und heute Tausende lokale Gruppen weltweit umfasst.
Das Prinzip ist denkbar einfach. Alle lesen, aber nicht unbedingt dasselbe. Während jemand in einem Roman versinkt, beschäftigt sich die Person nebenan mit einem Sachbuch. Niemand muss seinen Lesefortschritt erklären oder am Ende eine Meinung präsentieren.
Wie sich das in einer Stadt etablieren lässt, zeigt Hannover. Dort bietet die Stadtbibliothek den Silent Book Club an sechs Standorten an: in der Zentralbibliothek sowie in Bothfeld, Misburg, Mühlenberg, Kronsberg und Vahrenwald. Jeder Standort hat regulär einen Termin im Monat, jeweils für zwei Stunden. Damit entstehen über die Stadt verteilt sechs monatliche Gelegenheiten zum gemeinsamen Lesen.
Die Bibliothek beschreibt das Angebot als „Eine kleine Enklave gegen den Alltagslärm und die Vereinzelung.“ Die Teilnehmenden benötigen keine Anmeldung oder Vorbereitung. Sie lesen eine Stunde lang und können anschließend ins Gespräch kommen oder weiterlesen.
Das Konzept lässt Raum für unterschiedliche Bedürfnisse. Wer Gesellschaft sucht, findet andere Lesende. Wer vor allem in Ruhe ein Buch aufschlagen möchte, kann die gemeinsame Zeit ebenso nutzen.
Warum gemeinsames Lesen wieder eine soziale Frage ist
Dass Lesen heute vor allem ein Zeitproblem ist, zeigt eine Untersuchung der Universität Basel aus dem August 2026. Für das Working Paper Das gelesene Buch wurden 6.427 Erwachsene in Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt. 45 Prozent nannten fehlende Zeit als Hindernis beim Lesen. Gleichzeitig gehörten Entspannung und Unterhaltung zu den wichtigsten Gründen, überhaupt ein Buch aufzuschlagen.
Auch der Austausch darüber bleibt überwiegend privat. In derselben Studie gaben 53 Prozent an, mit Freundinnen, Freunden oder Bekannten über Bücher zu sprechen, 50 Prozent mit Familienmitgliedern. Leseclubs wurden dagegen nur von zwei Prozent genannt.
Gerade deshalb ist die Aufmerksamkeit für Silent Book Clubs interessant. Das Format macht aus dem Lesen keine zusätzliche Verpflichtung. Es fordert weder ein bestimmtes Pensum noch eine gemeinsame Meinung.
Gemeinschaft entsteht hier zunächst durch geteilte Zeit, während die individuellen Interessen erhalten bleiben. Darin liegt auch der mögliche Reiz für Unternehmen.
Im Arbeitsalltag finden Begegnungen häufig innerhalb bestehender Aufgaben und Zuständigkeiten statt. Meetings folgen einer Agenda, Workshops haben ein Ziel, Teamveranstaltungen ein gemeinsames Programm. Eine stille Lesestunde könnte Menschen verschiedener Abteilungen zusammenbringen, ohne ihnen eine zusätzliche Aufgabe zu geben.
Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin beschreibt soziale Beziehungen, gegenseitige Unterstützung und geeignete organisatorische Rahmenbedingungen als wichtige Bestandteile der Arbeitsgestaltung.
Eine freiwillige Leserunde kann einen zusätzlichen Begegnungsraum eröffnen. Ob daraus engere Beziehungen entstehen, ist bislang nicht belegt. Entscheidend für die Idee bleibt, dass auch Mitarbeitende willkommen sind, die sich an keinem Gespräch beteiligen möchten.
Wie Unternehmen Bücher bereits für Begegnungen zwischen Abteilungen nutzen, zeigt das Mode-Technologieunternehmen Lyst.
Vom klassischen Lesekreis zur stillen Gemeinschaft im Team
Bei Lyst treffen sich Mitarbeitende verschiedener Abteilungen und Hierarchieebenen zum „Reading Lyst“. Der Buchclub wurde im November 2021 wiederbelebt und findet seitdem monatlich statt, online oder vor Ort.
Die Buchauswahl übernimmt ein digitales Glücksrad. Am Ende jedes Treffens schlagen die Mitglieder Titel vor, dann entscheidet der Zufall über die nächste Lektüre. Wer sein Buch nicht fertig gelesen hat, darf trotzdem mitdiskutieren, solange mögliche Spoiler kein Problem sind. Im Interview mit dem Book Club Hub nennt die Gruppe Flexibilität als wichtigste Empfehlung für andere Unternehmen.
Der klassische Lesekreis lebt vom Austausch über ein gemeinsames Buch. Im Silent Book Club fällt diese Vorbereitung weg. Alle bringen ihre eigene Lektüre mit, lesen nebeneinander und entscheiden anschließend, ob sie darüber sprechen möchten.
Wie diese Form des Miteinanders verstanden wird, zeigt die Staats- und Universitätsbibliothek Bremen. Für ihre Silent Reading Party im Dezember 2025 verwendete sie die Formulierung „Community despite silence“, auf Deutsch „Gemeinschaft trotz Stille“. Eingeladen waren auch Mitarbeitende der Universität; eigene Bücher und spontane Teilnahme waren willkommen.
Gemeinsame Lektüre
- monatlich, online oder vor Ort
- Die Gruppe wählt den nächsten Titel.
- Der Austausch über das Buch steht im Mittelpunkt.
Eigene Lektüre
- Alle bringen ihr eigenes Buch mit.
- Spontane Teilnahme ist möglich.
- Der Austausch nach dem Lesen bleibt freiwillig.
Während Lyst den Austausch über Literatur organisiert, rückt in Bremen das gemeinsame Lesen selbst in den Mittelpunkt. Beide Beispiele zeigen unterschiedliche Wege, Bücher zum Anlass für Begegnungen zu machen.
Was ist eine Silent Reading Party?
Eine Silent Reading Party ist eine lockere, oft einmalige Gelegenheit zum gemeinsamen Lesen. Alle bringen ihre eigene Lektüre mit, lesen für eine vereinbarte Zeit nebeneinander und entscheiden danach selbst, ob sie noch bleiben oder ins Gespräch kommen möchten. Für Unternehmen kann sie ein unkomplizierter erster Termin sein, um das Format auszuprobieren, bevor daraus ein regelmäßiger Silent Book Club wird.
Und es braucht dafür kein großes Veranstaltungsprogramm. An einigen Hochschulen sind stille Lesezeiten bereits als unkompliziertes Angebot im Alltag vorgesehen.
Silent Book Club im Unternehmen gründen: Ablauf und Organisation
An der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg ist das stille Lesen seit Oktober 2025 Teil des Bibliotheksangebots. Jeden Montag und Donnerstag steht das Literaturkabinett am Campus Sankt Augustin zwischen 12 und 13 Uhr für eine „Silent Reading Break“ zur Verfügung. Eingeladen sind Studierende, Hochschulmitarbeitende und weitere Bibliotheksnutzende. Wer nichts mitgebracht hat, findet vor Ort passende Lektüre.
Das Modell benötigt kein umfangreiches Begleitprogramm. Die Hochschule stellt einen Raum bereit, reserviert eine feste Zeit und überlässt die Buchauswahl den Teilnehmenden.
Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das Bellevue College im US-Bundesstaat Washington. Für April und Juni 2026 kündigte das Faculty Commons zwei stille Lesestunden für Lehrende und Mitarbeitende an. Nach einer kurzen Begrüßung lesen die Teilnehmenden gemeinsam. Bücher können ausgeliehen werden, Kaffee und kleine Snacks stehen bereit. Wer nur einen Teil der Stunde Zeit hat, darf später kommen oder früher gehen. Eine Anmeldung ist erwünscht, aber spontane Besuche sind ebenfalls willkommen.
Beide Beispiele zeigen, wie bestehende Räume und feste Zeitfenster für gemeinsames Lesen genutzt werden können.
Wie gründest du einen Buchclub im Unternehmen?
Für einen Buchclub im Unternehmen braucht es zunächst drei Dinge: einen geeigneten Ort, eine feste Zeit und Menschen, die gerne lesen. Ein ruhiger Besprechungsraum kann ausreichen. Wichtig sind angenehmes Licht, Sitzgelegenheiten und möglichst wenig Unterbrechungen. Statt sofort ein dauerhaftes Programm aufzubauen, können Unternehmen zunächst einige Termine anbieten und anschließend Rückmeldungen einholen.
Die Einladung sollte erklären, was die Teilnehmenden erwartet. Jede Person bringt eigene Lektüre mit oder sucht sich vor Ort etwas aus. Niemand muss ein Buch vorstellen, vorlesen oder über seine Lesegewohnheiten sprechen.
Ebenso wichtig ist die Terminwahl. Ein Angebot während der Mittagspause erreicht andere Menschen als eines nach Feierabend. Beschäftigte mit Schichtdienst, Betreuungspflichten oder unterschiedlichen Arbeitsorten sollten bei der Planung mitgedacht werden. Auch der Zugang während bezahlter Arbeitszeit muss im Unternehmen geklärt sein.
Verzichte auf Anwesenheitslisten und Pflichtvorstellungen. Wer lieber still bleibt, gehört genauso zur Gruppe wie jemand, der nach dem Lesen eine Empfehlung teilen möchte.
Wie sieht ein Silent-Book-Club-Ablauf aus?
Für den Einstieg im Unternehmen bietet sich eine Stunde an.
Eine Stunde für die Leserunde
- 10 Min.Ankommen, Platz suchen, freiwillige Begrüßung
- 40 Min.Gemeinsam still lesen
- 10 Min.Buchempfehlungen austauschen oder weiterlesen
Dieses kürzere Modell ist ein Vorschlag für den Arbeitsalltag. Der offizielle Silent Book Club empfiehlt als typisches Treffen einen längeren Rahmen mit einer Stunde stiller Lektüre und zusätzlichen Zeiten für das Ankommen und den Austausch. Veranstalter können den Ablauf an ihre Gruppe anpassen.
Wie organisierst du die ersten Treffen?
Verschicke eine kurze Einladung mit Termin, Ort und Ablauf. Bitte alle, eigene Lektüre mitzubringen, und halte einige Bücher zum Ausleihen bereit. Suche außerdem eine Person, die den Raum öffnet und am Ende auf den nächsten Termin hinweist.
Prüfe nach drei Treffen, welche Uhrzeiten und Räume gut angenommen werden. Hole freiwillig Rückmeldungen ein und nutze sie für die weitere Organisation.
Falls du ein offizielles Chapter unter dem Namen „Silent Book Club®“ organisieren möchtest, beachte die Marken- und Veranstalterregeln der Organisation. Für ein unabhängiges Firmenangebot eignet sich ein eigener Name.
Mit einem festen Termin steht die Grundlage. Welche Bücher auf den Tisch kommen und wie abwechslungsreich die Treffen werden, dürfen anschließend die Lesenden selbst bestimmen.
Buchclub-Ideen: Welche Bücher, Orte und Rituale passen?
Bei einem klassischen Buchclub beginnt die Planung häufig mit einer Frage: Welches Buch lesen wir als Nächstes? Für einen Silent Book Club fällt diese Entscheidung weg.
Stellst du dir trotzdem die Frage: Welche Bücher eignen sich für einen Silent Book Club?, haben wir die Antwort für dich: Alles, was sich während einer gemeinsamen Lesezeit genießen lässt: Romane, Krimis, Comics, Sachbücher oder E-Books. Auch Hörbücher mit Kopfhörern lassen sich einbeziehen.
Du brauchst weder eine gemeinsame Leseliste noch eine Abstimmung. Wer an einem Fachbuch arbeitet, ist genauso willkommen wie jemand, der einen Fantasyroman mitgebracht hat.
Welche Buchclub-Ideen bringen Abwechslung?
Ein wiederkehrendes Angebot lässt sich mit wenigen Veränderungen lebendig halten. Beispielsweise könnte die Leserunde im Sommer in einem ruhigen Innenhof stattfinden oder gelegentlich in einen anderen Unternehmensbereich wechseln. Ein Tisch für freiwillige Buchempfehlungen lädt dazu ein, neue Autorinnen und Autoren kennenzulernen. Oder lade zu einer Themenstunde über Reisen, Natur oder Lieblingsgeschichten ein. Niemand muss sich bei seiner Buchauswahl daran halten. Das Thema dient lediglich als Anregung.
Ein Regal für gelesene Bücher oder eine digitale Empfehlungsliste verlängert den Austausch über die eigentliche Lesestunde hinaus. Für eine handgeschriebene Liste reichen ein paar Stifte, die am Treffpunkt bereitliegen.
Wie könnte dein Firmenbuchclub heißen?
Ein eigener Name macht die Einladung persönlicher. Statt einer nüchternen „Lesegruppe“ passen beispielsweise Seiten statt Slides, Kapitelpause, Psst & Papier, Zwischen Zeilen und Terminen oder Read & Recharge.
Nimm die Vorschläge als Ausgangspunkt und lass die Gruppe ihren Favoriten wählen.
Welche Gegenstände begleiten das Leseritual?
Mit der Zeit können kleine Gewohnheiten entstehen: der gleiche Treffpunkt, ein Kugelschreiber für eine kurze Notiz, eine neue Buchempfehlung oder ein Buch, das mehrere Kolleginnen und Kollegen nacheinander lesen.
Wer Gedanken oder Titel festhalten möchte, kann dafür ein Notizbuch verwenden. Ein Lesezeichen hält die Stelle im Buch, eine Stofftasche begleitet es zwischen Zuhause und Büro. Solche Gegenstände können Teil des Leserituals werden, ohne dass die Veranstaltung zusätzliche Ausstattung benötigt.
Wichtiger ist, dass die Teilnahme unkompliziert bleibt. Niemand sollte ein bestimmtes Lesepensum erfüllen oder regelmäßig erscheinen müssen, um dazuzugehören.
Für Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice oder an anderen Standorten lässt sich das Ritual auch digital öffnen.
Buchclub online: Gemeinsam lesen auf Distanz
Ende Februar 2020 veranstaltete der Silent Book Club in Turin einen ungewöhnlichen „Book Mob“: Rund zwei Dutzend Menschen besetzten einen U-Bahn-Wagen und lasen während der Fahrt schweigend ihre Bücher. Wenige Tage später ging Norditalien in den Lockdown. Am 12. März 2020 organisierte die Turiner Gruppe das erste Silent-Book-Club-Treffen der Pandemie über Zoom.
Das digitale Format ist geblieben. Der Silent Book Club in San Diego bietet neben persönlichen Treffen auch sonntags eine virtuelle Leserunde über Zoom an. So können Menschen unabhängig von ihrem Aufenthaltsort gemeinsam lesen.
Wie organisierst du einen Buchclub online?
Verschicke einen Kalendereintrag mit einem Videolink und einem klaren Ablauf. Begrüße die Teilnehmenden kurz und lass anschließend alle für 30 bis 40 Minuten ihre eigene Lektüre lesen. Zum Abschluss öffnest du den digitalen Raum für freiwillige Buchempfehlungen.
Die Kamera darf während der Lesezeit ausgeschaltet bleiben. Wer lieber allein auf dem Sofa liest, nimmt ebenso teil wie Kolleginnen und Kollegen, die sich im Büro treffen.
Bei hybriden Veranstaltungen hilft eine einfache Regel: Begrüßung und Abschluss finden für alle über denselben digitalen Kanal statt. So können sich Mitarbeitende im Homeoffice am Austausch beteiligen.
Verzichte auf zusätzliche Aufgaben und digitale Anwesenheitskontrollen. Der Termin bietet eine gemeinsame Pause vom Arbeitsalltag.
Was bleibt, wenn niemand etwas sagen muss?
Nur zwei Prozent der Befragten der Basler Studie nennen Leseclubs als Ort, an dem sie sich über Bücher austauschen. Das gemeinsame Lesen bleibt damit in dieser Untersuchung eine selten genannte Form des Austauschs. Silent Book Clubs zeigen, dass sich Bücher auch ohne gemeinsame Lektüre oder organisierte Diskussion in Gesellschaft genießen lassen.
Für Unternehmen eröffnet das eine weitere Möglichkeit, Begegnungen außerhalb von Projekten und Besprechungen zu gestalten. Eine Stunde, in der Kolleginnen und Kollegen ihre eigenen Interessen mitbringen und selbst entscheiden, ob sie darüber sprechen.
Vielleicht entsteht daraus ein Gespräch über eine neue Lieblingsautorin. Vielleicht klappt am Ende auch einfach jeder sein Buch zu und geht zurück an die Arbeit.
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Quellen und weiterführende Informationen
- Universität Basel: Das gelesene Buch (Working Paper, 2026)
- Silent Book Club: Entstehung und Format
- Stadtbibliothek Hannover: Silent Book Club
- Book Club Hub: The Reading Lyst
- SuUB Bremen: Silent Reading Party
- Hochschule Bonn-Rhein-Sieg: Silent Reading Break
- Bellevue College: Silent Book Club
- Silent Book Club: Veranstalterleitfaden
- Silent Book Club: Turin und Online-Treffen
- Silent Book Club: San Diego